“Gelungene” Werbung

20110806-060255.jpg

Dorau und ich, das Video

So, liebe Freunde. Hier nun das Video. Irgendwas zwischen Scham und Begeisterung. Viel Spaß!

Ein Radio!

Mal kurz ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Seit kurzem (oder um genau zu sein: seit Freitag abend) bin ich Betreiber eines Internetradios mit dem schönen Namen fm303. Dieses wird gerade fleißig mit Inhalt gefüllt und ist – obwohl wie gesagt noch nicht ganz vollendet – immerhin schon hörbar. Beispielsweise über diesen Player hier oben rechts auf der Seite oder unter der Adresse www.laut.fm/fm303

Das ist schön und macht Spaß!

So ist das nun mal

Fred vom Jupiter einmal ausgelassen, denn daran kam man ja zu den unsäglichen NDW-Zeiten im Grundschulalter gar nicht vorbei, war meine erste Begegnung mit Andreas Dorau, bzw. seiner Musik etwa im Jahr 1995. Ich hatte gerade eine Freistunde und bin, wie so oft in die Innenstadt zu Karstadt gewandert, um dort ein bisschen CDs zu stöbern. Genau wie heute war ich auch damals sehr empfänglich für die Sonderangebote, die meist in einem separaten Korb angeboten wurden. Und so kam es, dass ich zwischen den Scorpions und Queen dann irgendwann an diesem Cover hier hängengeblieben bin:

Andreas Dorau war mir in letzter Zeit ohnehin schon in der Viva-Sendung “Housefrau” aufgefallen, die sich langsam aber sicher zu meiner Lieblingssendung gemausert hatte. Dort wurde Andreas Dorau regelrecht gehyped, seine Videos “Das Telefon sagt du” und “Stoned Faces Don’t Lie” wurden rauf und runter gespielt und natürlich ließ auch ich mich gerne mithypen. So war es dann auch keine große Frage für mich, dass ich dieses Album zum verhältnismäßig günstigen Preis von 10 Mark mitnahm.

Die nächste Schulstunde die anstand war Sport, welche ich damals allerdings wegen einer Nagelbettentzündung nicht mitmachen konnte. Anwesenheit war jedoch dringend erwünscht und so hatte ich ein bisschen Zeit, mich zumindest mit dem Cover und dem Booklet der durchaus etwas seltsam aussehenden CD zu beschäftigen. Da ich gerade keinen Discman (für die Jüngeren unter uns: so etwas wie ein mp3-Player, nur riesig und für CDs, eine damals zwar tendenziell praktische, aber äußerst unhandliche und technisch meist völlig unausgereifte Erfindung) zur Hand hatte, musste das Booklet in diesem Moment reichen, in dem aber immerhin zu rätselhaften Fotos und Illustrationen, die denen eines Jim Avignon nicht unähnlich waren, die Liedtexte abgedruckt waren.

Und sowas hatte ich bis dahin noch nicht gelesen. Lichtschutzfaktor Nr. 8 hat dir wenig Glück gebracht. Eines musst du jetzt verstehn, da hilft auch keine Sonnencreme. Stabreim, Stabreim. Ich wusste nicht, dass man sowas in deutscher Musik überhaupt darf, ohne dass man sich komplett lächerlich macht. Aber man darf. Die Texte, irgendwas zwischen beschreibend, formulierend und albern ließen mich jedenfalls schon mal auf das freuen, was ich am Nachmittag aus meinem heimischen CD-Player hören sollte. Und das, was dann schließlich aus den Boxen kam, traf mein Geschmackszentrum ziemlich exakt. Extrem fröhliche Musik, verspielt, oft etwas albern – und mit einer ordentlichen Portion Dancefloor, was bei mir zu der Zeit einfach Dreh- und Angelpunkt meines musikalischen Geschmacks war.

In den folgenden Wochen lief die CD im Gubatzschen Kinderzimmer rauf und runter und als es mich dann einige Wochen später wieder zu Karstadt verschlug, dachte ich, ich traue meinen Augen nicht: Karstadt sortierte seinen CD-Bestand rigoros aus und verkloppte mehr oder weniger aktuelle CDs zum Schleuderpreis von 2 Mark pro CD. Eine riesige Verkaufsfläche, voll mit mehr CDs als die CD-Abteilung je gesehen hatte lud zum fröhlichen Stöbern und Mitnehmen ein. Und dazu ließ ich mich selbstverständlich sehr gerne einladen. In den nächsten 2-3 Stunden packte ich gut und gerne 100 CDs in meinen Warenkorb, natürlich auch voll mit allerlei unbekannten, aber lt. Cover vielversprechenden CDs. Für 2 Mark das Stück darf man aber auch mal bei unbekannten Alben zugreifen.

Und zwischen erstaunlich guten und ganz schlimmen CDs fand sich auch das Remix-Album “Was ist N.E.U.” von Andreas Dorau. Auf diesem Doppelalbum durften alle, die im Techno- und Ravebusiness der damaligen Tage eine gewisse Relevanz hatten, Hand an das “Neu”-Album anlegen und boten so aus heutiger Sicht größtenteils grauenvolle Ufta-Ufta-Versionen, aber auch vereinzelt ganz große und tolle Neuinterpretationen der mir mittlerweile recht vertrauten Musik. Angefangen vom “Komm Wieder”-Remix von AWeX, die neben Hardfloor damals sowas wie die poppigen Acid-Meister waren, über düstere “Und das Telefon sagt Du”-Versionen der von mir erst viele Jahre später für mich entdeckten Sensorama und Mike Ink.

Im Booklet zu “Was ist N.E.U.” gab es allerlei Informationen zu einer Art Verein mit dem Namen Niederlassung zur Erforschung des Unbekannten, abgekürzt N.E.U., bei der der Käufer ausdrücklich aufgefordert wurde, sofort dort Mitglied zu werden. Der groß zu lesende Text neben dem Aufnahmeformular gab folgendes bekannt:

Warum es wichtig ist, sofort Mitglied der N.E.U. zu werden:

Die Mitgliedschaft in der N.E.U. bringt viele Vorteile. Welche ist noch nicht ganz klar. Das macht die Sache spannend. Hauptsache erstmal Ausweis beantragen! Fälschungssicher und mit Deinem Foto drauf. Wenn Du Dich für elektronische Musik, lass jetzt die N.E.U. in Dein Leben treten! Sie bietet Dir alles. Die N.E.U., die Niederlassung zur Erforschung des Unbekannten ist ein Zusammenschluss aller Freunde elektronischer Musik unter der Schirmherrschaft von Andreas Dorau. Die N.E.U. ist eine straff geführte mütterliche Dachorganisation. In ihrem 16 Seiten starken halbjährlich erscheinenden Farbmagazin mit dem Titel “angenehm” wird über Neues und Wichtiges aus der Welt der elektronischen Musik berichtet. Die N.E.U. macht aber auch Aktionen. Und Du bist dann der Erste, der darüber Bescheid weiß. Mit Deinem Ausweis kommst Du vielleicht auch in viele Veranstaltungen rein.

Und das klang doch mal gut. Zumindest für jemanden, der in Husum saß, was damals sowas wie der leere Fleck auf der Techno-Landkarte war. Die einzigen Informationsmedien waren damals die oben angesprochene Sendung Housefrau und die beiden Kiosk-Neuzugänge Raveline und Frontpage. Zu doof nur, dass ich nie das Anmeldeformular abgeschickt habe. Ein Umstand über den ich mich bis heute außergewöhnlich ärgere.

Wenige Jahre später erschien das Album “70 Minuten Musik ungeklärter Herkunft”, das mich damals allerdings gar nicht so recht interessieren wollte. Vielleicht war ich immer noch im NEU-Wahn oder aber ich hatte mit Gesang in elektronischer Musik grundsätzlich abgeschlossen. Von akustischer bzw. elektrisch verstärkter Musik mal ganz abgesehen. In meiner Abizeitung werde ich zitiert mit “Ich steh nicht so auf die Musik, die mit Fingern gemacht wird”. Und das traf es zu der Zeit wohl ziemlich auf den Punkt.

2003 zog ich dann nach Köln und fing an, über kurz oder lang von CDs zurück zum Vinyl zu wechseln und endlich auch mal auf Technopartys zu gehen, die ich in Nordfriesland bis zuletzt schmerzlich vermisst hatte. Ich fing an, in Clubs aufzulegen und kaufte mir all das auf Platte nach, was ich von anderen DJs gehört oder schon auf CD hatte. Und zu der Zeit begegnete mir Dorau plötzlich wieder. Da gab es geradezu phantastische Remixplatten auf dem damals noch existenten Ladomat-Label aus Hamburg (“4 Remixe für Andreas Dorau” – Mike Ink mit vier gnadenlos guten Interpretationen von “Das Telefon sagt Du”, von denen ich einen ja schon von “Was ist N.E.U.” kannte). Und da auch das neue Album entsprechend geremixt werden sollte, kam wieder einmal Voigt um die Ecke, um “Girls in Love” und “So ist das nun mal” in streng nach vorne marschierende und seiner Studio 1-Serie äußerst ähnliche Minimaltechno-Gewänder zu stecken. Das rockte, das bockte und war für mich die perfekte Kombination aus zwei Welten. Der technoid-kalte Voigt-Funk mit dem schrägen Dorau-Gesang. Bis heute ist immer mindestens eine Dorau-Platte in meinem Case, wenn ich irgendwo auflege und es erfüllt mich immer wieder mit großer Freude, wenn sich jemand im Publikum genauso darüber freut wie ich, wenn es ertönt: “Sie war jung, gerade 16 Jahr…”

Dann gab es diverse weitere Dorau-Veröffentlichungen, eine Trimm-Dich-Platte in Zusammenarbeit mit Justus Köhncke, ein neues Album “Ich bin der eine von uns beiden” sowie einige Singles, die mich mal mehr und auch mal weniger erreicht haben – und jetzt nach gefühlten zehn Jahren (obwohl es letztendlich nur sechs waren) ein neues Album mit dem Namen “Todesmelodien”. In der Zwischenzeit hatte sich bei mir einiges getan, ich hatte ein stark von Dorau inspiriertes Projekt namens Steflon gegründet, das mit “Ich geh lieber nach Hause” sogar schon einen Superhit hatte, der immer noch veröffentlicht werden will (und den ich mir insgeheim auch schon mal mit Dorau an den Vocals vorgestellt hatte) – und ich habe 2006 bei der Raveline angeheuert, die ich ja, wie oben schon angesprochen, schon in meinem Husumer Kinderzimmer geradezu verschlungen hatte. Manche Leute setzen sich Ziele, die sie in ihrem Leben erreichen wollen, die habe ich sicherlich auch, aber viel wichtiger sind mir die Ziele, welche Musiker ich mal gesehen bzw. getroffen haben möchte. Dazu gehören allen voran Kraftwerk, die man leider nur äußerst selten live sehen kann, aber dennoch hat sich dieser Wunsch 2004 erfüllt. Dann war ich immer großer Freund von Laurent Garnier und Josh Wink, mit denen ich mittlerweile immerhin sporadisch im eMail-Kontakt stehe und diese sogar dann und wann meine Platten spielen. Hardfloor sind auch seit ewigen Jahren meine großen Acid-Helden und auch hier ist der Kontakt hergestellt. Der einzige, der in dieser Liste noch fehlte, war Andreas Dorau. Weder getroffen, noch Konzert besucht, noch sonst irgendwas. Und vielleicht ist genau diese Unnahbarkeit, die es ja auch bei Kraftwerk gibt, der Grund, dass ich letztendlich zum Fan wurde. Fan werden finde ich grundsätzlich ein bisschen seltsam und das Fan-Dasein wirkt auf mich bisweilen sogar grotesk. Dennoch muss ich erkennen: ich bin Dorau-Fan. Inklusive Fachsimpelei, Inhalieren jeglicher Information über die Person und die Musik und allem, was dazugehört.

Und nun kam wie gesagt das neue Album “Todesmelodien”. Und da ich ja immer noch einigermaßen involviert in das Redaktionsgeschehen der Raveline bin, erreichte mich das Album gut und gerne eineinhalb Monate vor der offiziellen Veröffentlichung. Und auch ohne Fan zu sein muss man feststellen: das scheint das gelungenste Dorau-Album seit… ach, das scheint das gelungenste Dorau-Album überhaupt zu sein. Ein Hit nach dem nächsten, eine Musik die schräg und poppig und kompliziert und leicht gleichermaßen ist und der Gesang, ja der Gesang: es ist unverkennbar Dorau, das sagt eigentlich schon alles. Für mich stand seit dem ersten Hören fest: den Mann muss ich interviewen. Da ich aber gleichzeitig eher zu den stilleren und sich eher nicht aufdrängenden Personen gehöre, habe ich den Gedanken nach einiger Zeit dann wieder ad acta gelegt. Vielleicht ist so eine Unnahbarkeit ja auch gar nicht verkehrt, um einen gewissen Mythos und ein gewisses Bild, das man vom Künstler hat, aufrecht zu erhalten. Bei Dorau wäre ich sehr enttäuscht gewesen, wenn er sich plötzlich als ein ungehobelter Riesenidiot ohne Manieren herausgestellt hätte. Beispielsweise The Prodigy, zu deren treuesten Anhängern ich in den 90er Jahren gehörte, haben mich auf diese Weise ganz schnell als Anhänger verloren. Also kein Interview machen. Aber immerhin aufs Konzert gehen, denn die Releaseparty zu “Todesmelodien” sollte im Kölner Studio 672 stattfinden; ein Umstand der mich über alle Maßen erfreute. Wenn schon kein Interview, dann aber auf jeden Fall live sehen.

Nun erfuhr ich, dass Andreas Dorau als Studiogast bei RavelineTV, der Sendung ebendieser Zeitschrift eingeplant war. Toll, so konnte ich dem Mann wenigstens mal in etwas ruhigerer Umgebung die Hand schütteln. Nachdem also bei der Aufzeichnung mal mehr, mal weniger relevante DJ-Stars und Sternchen durch die Sendung gereicht wurden, war Dorau für 16.00 Uhr eingeplant. Dieser verspätete sich nun allerdings so erheblich, so dass die Drehlocation geräumt werden musste und auch ein Großteil des Teams müde nach Hause wollte. Dennoch musste Dorau interviewt werden. Und plötzlich stand fest: Ich mache es. Halb überrumpelt, halb aufgedrängt fing ich direkt an, mir Fragen zu überlegen, nachdem die ursprünglich geplanten schnell als untauglich festgestellt wurden (“Wie kam es damals zu Fred vom Jupiter?“).

Und so stand ich plötzlich mit Mikro in der Hand und zwei RavelineTV-Kollegen vorm Studio 672 und wartete auf Andreas Dorau. Der dann nach erheblicher Verspätung tatsächlich mit dem Auto und seinen Bandkollegen kam. Etwas gehetzt und kurz angebunden, aber dennoch höflich fiel die Begrüßung aus: Hallo – Stefan – Andreas – hallo – Eva – hallo – Andreas – Adrian – Andreas – hallo. Nachdem dann kurz alle im Keller verschwunden waren, kam Andreas zurück zu mir und wir liefen kurz so etwas ähnliches wie plaudernd zum Drehort, ein Tisch im Außenbereich des Stadtgarten-Cafés. Nachdem ich ihm eröffnet hatte, dass dies mein erstes Interview überhaupt und dann auch noch vor der Kamera wäre, erzählte er mir, dass er früher mal beim Bayrischen Rundfunk gearbeitet hatte und sein erstes Interview überhaupt mit Dieter Bohlen geführt habe, der das Interview nach der ersten Frage (“Sie haben ja jetzt einen Hit.” – “Frechheit! Ich habe schon hunderte Hits produziert!”) abbrach. Gut, das sollte mir nicht passieren, ich wusste, dass Dorau zwar einen GANZ großen Hit hatte (nämlich besagten Fred vom Jupiter), diesen aber lieber unter den Tisch fallen lässt, da kommerziell ausgeschlachtet, ungewollt zum Parade-NDW-Titel gemacht, Schulprojekt, Tantiemen, pipapo.

Und dann ging es los. Ich weiß gar nicht mehr so richtig, was ich alles genau gefragt habe und was Dorau alles geantwortet hat, aber ich weiß, dass mein Bild von Dorau sich eher bestätigt hat. Er war ruhig, hanseatisch sachlich und abgeklärt, höflich, vielleicht sogar etwas schüchtern, freundlich, aber auch sehr professionell und auf den Punkt. Mein Interview hingegen war zugegebenermaßen eher etwas für ZDF Aspekte oder eine andere Kultursendung als für das tendenziell dilletantisch-alberne RavelineTV. Als das Interview vorbei war, bedankte er sich, fragte noch kurz nach, ob die Raveline noch in Herne sitzt und verschwand dann wieder in Richtung Studio 672. Und das war es dann auch schon. Meine Begegnung mit Andreas Dorau. Und ich wusste gar nicht, was ich davon jetzt zu halten hatte. Aber was hatte ich auch erwartet. Als Fan ist man seinem Star ständig nahe, man hat das Gefühl, ihn ganz genau zu kennen und wenn man ihn denn mal trifft, wäre es bestimmt so, einen alten Kumpel wiederzusehen und man versteht sich einfach so, als wäre nichts gewesen. Aber so war es nun mal nicht. Ich kam mir arrogant und klugscheißerisch vor, weil ich ständig während des Interviews versucht habe, relevantes Dorau-Wissen aufblitzen zu lassen, auf das dieser gar nicht so wirklich einging. Und am Ende, nachdem dieser wieder verschwunden war, blieb mir nur noch ein huch-was-war-das-denn-jetzt.

So fuhr ich dann also etwas verstört mit der Straßenbahn nach Hause, duschte kurz und zog mich um, denn abends war ja noch das Konzert anberaumt. Das Studio 672 war brechend voll, als ich kam demonstrierte eine Art Schülerband gerade mal wieder eindrucksvoll, dass es das Gesetz “Vorbands müssen scheiße sein” wirklich gibt. Sänger und Bassist in Unterhose, Schlagzeuger oben ohne, Gitarrist in einer Art römischem Gewand. Sänger über die Bühne spuckend, Bassist demonstrativ Weißwein aus der Flasche trinkend, Gitarrist auf verstimmter Gitarre schraddelnd, Schlagzeuger immer schneller werdend. Es war zum Verzweifeln. Und dann nach einer, für eine kurze Pause etwas zu langen Pause kamen Dorau und Band. Und spielten das beste Konzert, das ich seit Ewigkeiten erleben durfte. Eine Mischung aus neuen Todesmelodien und alten Über-Hits, die auf den Punkt intoniert und dargebracht wurden – selbst wenn Dorau ständig Texte vergaß, diese aber charmant durch meinem Freund Gerhard nicht unähnliche Improvisationen überbrückte. Das Studio stand Kopf, die Temperaturen lagen in Saunabereichen. Und ich mittendrin. Es war phantastisch.

Nach einer Zugabe und den abschließenden Worten, wohl als Kommentar zu den unmenschlichen Temperaturen “Mir sind Plattenverkäufe nicht so wichtig, dass ich jetzt sterbe” verließen die drei die Bühne und ich nahm kurz darauf ein Taxi nach Hause. Was für ein Tag, was für ein Konzert und was für eine Begegnung. Und ich glaube, ich bin seit gestern mehr Fan denn je.

Übrigens: Angesprochen auf die Niederlassung zur Erforschung des Unbekannten (N.E.U.) meinte Dorau, dass sich da maximal überhaupt nur 20-30 Leutchen angemeldet hatten und die N.E.U. nie wirklich irgendeine Relevanz hatte geschweige denn Aktionen gestartet hat. Kannst mal sehen.

11 Jahre

Gestern und vorgestern ist es passiert – meine kleine Traditionsband “Die netten Tanten” haben ihr drittes Album aufgenommen. Geplant war es geschlagene 11 Jahre und fast ebenso lange amüsieren wir uns über den Titel “Living Next Door To Alice Cooper”. Nungut, der Humor hinter diesem ganzen Projekt ist vielleicht wirklich etwas speziell, aber das ist es gerade, was die Sache für uns ausmacht.

Jedenfalls ist das Ding jetzt im Kasten, bzw. aufgenommen. Und während ich an dem finalen Mix bastel, gibts für euch hier jetzt erst mal das große zehnteilige Videotagebuch. Teil 1 sofort, den Rest nach dem Klick!

 

Weiterlesen →

Damals in Dortmund

Ich hab hier jetzt einfach mal die Kategorie “Alter Käse” mit eingerichtet, denn ich habe definitiv einen ganzen Haufen alten Käse, den ich gerne noch mal zeigen möchte. Den Anfang macht ein Aushang, den ich an der Tür meiner alten Wohnung in Dortmund entdecken musste, als ich aus dem zweiwöchigen Urlaub wieder zurückkam. Nicht exakt das, was man in solchen Momenten lesen möchte:

Was es nicht alles gibt

Da denkt man, man wäre aufgrund vieler Jahre Internet-Dauersurfen mit jeglicher Subkultur vertraut (so zuletzt beispielsweise die Szene der Botswana Cowboy Metalheads), da wird man vom Kölner Express wieder einmal eines besseren belehrt. Kölner Express, mag man sich fragen, warum um Himmels Willen liest der Stefan den Express? Da gibt es mehrere Gründe, zum einen freue ich mich immer mal wieder über die grauenvollen Fotomontagen, die der Grafiker der Onlineausgabe dann und wann bastelt, dann sind manche Geschichten, die der Express so kund tut derartig hanebüchen, dass es einfach Spaß macht, sich von derartigem Quatschjournalismus erheitern zu lassen. Und jetzt gerade ist wie schon angekündigt, mein alter Kumpel Gerhard zu Gast, der bei jedem Kölnbesuch es zu einer Tradition hat werden lassen, morgens den Express zu lesen.

So auch heute. Gerhard schläft zwar noch aber Natalie hat vorausschauend schon mal eine Ausgabe besorgt, in die ich schon mal reingelinst habe. Und um zurück zum Thema zu kommen – auf der letzten Seite gibt es einen Artikel über sogenannte “Tinker”, die seit ein paar Tagen irgendeinen Messeparkplatz besetzen und – schön dass man diesen Begriff mal wieder benutzen kann – wild in der Gegend herummarodieren. Die Tinker kommen aus Irland und sind wohl sowas wie Nomaden, die aber dafür bekannt sind, sich gerne zu betrinken, die Zeche zu prellen und am Ende sich gegenseitig zu verprügeln. Und nun das tollste: die Frauen der Tinker ziehen sich anscheinend gerne so an wie eine Mischung aus Animierdame, Superheldin und Showgirl. Dazu wird das ganze auch noch vom Express betitelt mit “Polizei jagt irre Iren aus Köln”. Respekt! Hier ein Foto:

Was ich aber am erstaunlichsten finde: Diese Szene – gesetzt den Fall es gibt sie denn wirklich und wurde nicht nur vom Express erfunden – kannte ich bisher gar nicht, obwohl ich wie gesagt behaupten mag, ich kenne mich mit Subkulturen einigermaßen aus. Toll! Da komme ich wohl nicht drumrum, demnächst mal in Ruhe das Netz zu durchtinkern…

Nachtrag: aha, Wikipedia weiß mehr. “Tinker” ist wohl nur eine Fremdbezeichnung für die Pavee, eine als fahrend beschriebene soziokulturelle Gruppe irischen Ursprungs, die vor allem in Irland, Großbritannien und den USA lebt. Warum jetzt aber die Frauen in derartig buntem Zeug rumrennen, das weiß anscheinend nur der Express.

Vorfreude

Gerade freue ich mich. Ich freue mich vor. Und zwar auf das Eintreffen meines Freundes Gerhard, der mich nach langen Monaten endlich mal wieder besuchen kommt. Gerhard kenne ich seit der Schulzeit, wohl so seit dem neunten oder zehnten Jahrgang. Wir gingen beide zur gleichen Schule in Husum, er ein Jahr über mir, was in erster Linie daran lag, dass er ein Jahr älter ist als ich und als einer der Wenigen aus seinem Jahrgang nie sitzengeblieben ist und somit dann letztendlich auch ein Jahr vor mir Abi gemacht hat. Damals hatte ich gedacht, ach wie praktisch, Gerhard macht seine mündliche Abiprüfung zum Thema Irland, das mach ich ein Jahr später einfach auch mal. So spare ich mir ne Menge Arbeit, wenn ich einfach seine Aufzeichnungen und Unterlagen übernehme, ich faule Sau. Schon ein paar Tage nachdem er seine Prüfung also erfolgreich und tatsächlich mit einer 1 absolviert hatte, gab mir Gerhard seine Unterlagen, die allerdings ganz erwartungsgemäß bis wenige Tage vor meiner Abiprüfung ein Jahr später ungesichtet in meiner Schublade versauerten. Um direkt zur Pointe zu kommen: ich bekam für meine desaströse Vorstellung eine glatte 5 und habe mein Abi somit wirklich nur ganz knapp geschafft. Der Kommentar meiner damaligen Erdkundelehrerin als sie mir hinterher doch noch die Hand zur Gratulation schüttelte, beschränkte sich somit auch nur auf ein skeptisches “naaa-jah”. Egal, Abi bestanden.

Obwohl Gerhard, so erzählt er es gerne immer wieder, in der Grundschule Angst vor mir hatte und befürchtete, ich würde ihn eines Tages grundlos verprügeln, sind wir also letztendlich dann doch Freunde geworden. Den genauen Anlass weiß ich gar nicht mehr so richtig, es hatte aber bestimmt was mit guten Partys und Alkohol zu tun. Gerhard wurde irgendwann Redaktionsmitglied meiner damaligen Schülerzeitung “Zup!”, fungierte als Vorglüh-Gastgeber und c64-Bereitsteller vor dem wochenendlichen Besuch der in Norddeutschland sehr populären Zeltfeste und Moderationskollege in der Sendung “Radio Badio”, die von Diakonieseite (als Initiator der Sendung) als christliche Jugendsendung geplant und dann von Gerhard und diversen anderen, eher weniger an christlichen Inhalten interessierten Jugendlichen übernommen und zu einer absurd albernen und hochgradig unterhaltsamen Quatschsendung umgebaut wurde.

Als Radio Badio an den Start ging, habe ich gedacht, es wäre doch schön, eine sendungseigene Band zu haben, ähnlich beispielsweise der Helmut Zerlett-Kapelle in der alten Harald-Schmidt-Show. Da sich aber letztendlich nur Gerhard für dieses Vorhaben erwärmen konnte, mussten wir uns mit den Möglichkeiten arrangieren, die uns zur Verfügung standen. Was so viel bedeutet: Gerhard singt, mehr schlecht als recht und ich spiele Casio-Keyboard, das seit 15 Jahren bei meinen Eltern herumstaubte – und auch das nicht allzu virtuos. So kam es dann relativ glanzlos zur Gründung der Netten Tanten. Nette Tanten nicht nur deswegen, weil wir die Böhsen Onkelz scheiße fanden, sondern auch, weil es in unserer kleinen Stadt bereits ein Grafitti gab, das den Namen propagierte. In der folgenden Woche trafen wir uns im Keller des Hauses des Jugend, um ein paar Aufnahmen zu machen, schrecklich-schlimme Coverversionen von noch schlimmeren Charthits. Praktischerweise fand kurz darauf auch noch das jährliche Schulfest der beiden ortsansässigen Gymnasien stadt, auf deren Abschlusskonzert wir uns kurzerhand selbst buchten und dem teils entsetzten, teils begeisterten Publikum unsere Musik um die Ohren ballerten. Der Auftritt wurde natürlich mitgeschnitten und schon kurze Zeit später gab es unsere erste CD “Netnat Netten Eid” zum Selbstkostenpreis auf den Schulhöfen der Stadt.

Praktischerweise fanden nicht nur wir selbst uns ganz unterhaltsam, sondern auch diverse Veranstalter des Nordens, so dass es nicht lange dauerte, bis wir unsere ersten Gigs auf Konzerten, Festivals und Garten- und Abipartys geben durften. So sind wir bis heute sicherlich auf gute 100 Konzerte gekommen, von denen manch einer, wobei natürlich hauptsächlich wohl wir selbst, noch in den höchsten Tönen schwärmen mag. Irgendwann kam unser zweites Album “Ekstra Ferro” – und dann: mein Abgang aus dem Norden in Richtung NRW. Und somit kam eines der tollsten Kapitel meines bis dato noch verhältnismäßig jungen Lebens zum Erliegen.

Eine Band, wenn sie denn toll läuft und man dabei einen Riesenspaß hat, legt man nicht einfach ad acta. Und so existieren die netten Tanten trotz der gut 600 km, die mittlerweile zwischen Gerhard und mir liegen immer noch. Zuletzt haben wir zwar nur noch alle zwei Jahre auf dem Ehemaligenschülerbandfestival “Boys and Girls are back in Town” gespielt, doch gedanklich sind wir immer noch voll dabei. So sehr, dass wir seit Jahren von unserem dritten Album fantasieren, das da heißen soll “Living Next Door To Alice Cooper”. Und nun soll es also endlich soweit sein, Gerhard kommt zu Besuch und wir lassen die alten Zeiten mal wieder aufleben.

Alte Zeiten aufleben lassen, das ist eigentlich so eine Sache. Ich mag es manchmal nicht glauben, aber es sind mittlerweile tatsächlich schon zwölf Jahre vergangen, seit ich mit einem gegrummelten naja die Schule verlassen durfte und mehr oder weniger zwangsweise ein tolles Kapitel abschließen und tolle Leute sich in alle Himmelsrichtungen verabschieden sehen musste. Vielleicht habe ich auch aus der Zeit ein bisschen die Sehnsucht nach dem Gestern mitgenommen. Ich bin leider ein ziemlicher früher-war-alles-besser-Typ, was sich glücklicherweise nicht so sehr in politisch-gesellschaftlichen Dingen zeigt, sondern eher in Wohnorten, Leuten, Unternehmungen, Musik, Technik, pi, pa, po. Das heißt natürlich nicht, dass ich heute alles doof finde, ganz im Gegenteil, ich habe auch heute tolle Freunde, lebe in einem angenehmen Umfeld und die allgemeine Situation ist wirklich erfreulich, aber trotzdem denke ich immer mal wieder: ach, damals.

Zeit ist manchmal was Komisches. Da trifft man nach Jahren seine besten Kumpels von damals wieder und denkt schon nach wenigen Worten, die man wechselt: was ist denn da passiert? Hat man sich selbst so verändert? Oder der andere? Was redet der da? Was rede ich denn hier? Was hatten wir damals um Gottes Willen überhaupt für eine Basis? – Oder aber, man sieht sich zufällig irgendwo wieder – und ignoriert sich fast instinktiv, schaut weg, meidet jeglichen Kontakt, obwohl es dazu gar keinen Grund gäbe. Totale Unsicherheit. Extrem seltsam.

Dann passiert es aber auch manchmal, dass man sich nach Ewigkeiten wiedersieht – und alles ist sofort wie immer. Man hat wieder die selben Sprüche, den selben Humor, die selben Geschichten und man macht sofort wieder genau da weiter, wo man vor ewigen Zeiten aufgehört hat. Und genau so einer ist mein alter Kumpel Gerhard. Ich freue mich sehr, dass er kommt.

Unverhofft kommt oft.

Der Titel sagts schon: unverhofft kommt oft. Das gilt insbesondere für mich gerade, denn wer hätte erwartet, dass ich nach den vielen vielen Auferstehungsversuchen der letzten Jahre meinen alten Blog mal wiederbelebe. Ich wahrscheinlich am wenigsten. Und natürlich könnte ich jetzt das ganze bekannte jetzt-aber-wirklich-bla-bla noch mal runterrasseln, aber ganz ehrlich: wer will das denn schon lesen. Deswegen nur kurz: der Schweinkram ist wieder da, zurückgesetzt auf null und ab sofort meine Anlaufstelle für Gedanken, Erlebtes und Ausgedachtes.

Der Hauptgrund ist folgender: Ich besitze seit heute ein neues Buch namens “Meine Jahre mit Hamburg-Heiner”, verfasst von Sven Regener, der nicht nur allerlei ausgesprochen gute Bücher geschrieben hat, sondern auch als Sänger und Trompeter der Gruppe “Element of Crime” in Erscheinung getreten ist. In besagtem Buch, von dem ich zugegebenermaßen bisher nur die ersten paar Seiten gelesen habe, führt Regener einen Blog. Genaugenommen ist das Buch – zumindest so wie ich es verstanden habe – gar nicht so viel mehr als eine Ansammlung von Blogeinträgen sowie allerlei Fotos, die vermutlich so auch im Blog auftauchten. Und schon bei den ersten Seiten habe ich gedacht: was war das doch früher eine tolle Sache, einfach mal aufzuschreiben, was einen so beschäftigt. Vieleviele Jahre habe ich das gemacht, bis ich letztendlich aus meiner kleinen Heimatstadt Husum in die große weite Welt (bzw nach Hamburg, dann Opladen, dann Köln, dann Datteln, dann Dortmund, dann wieder Köln) gezogen bin und erstmals das Leben als solches kennengelernt habe. Als dann die ersten Social Networks wie damals noch studivz, myspace oder nun eben Facebook aufgetaucht sind, schlief der Blog letztendlich ein. Doch nun, durch dieses Buch, juckt es mich plötzlich wieder komisch in den Fingern und siehe da – ich sitze in meinem Lieblingssessel (Ikea Pöäng) am Balkon (5. Stock) und tippe meine Zeilen in die Tastatur. Und das gefällt mir gut.

Schauen wir also mal, wie sich das hier so entwickelt. Ich wünsche uns viel Spaß.